TEIL 1

Leandro hatte einen Messerstich abbekommen, weil er eine völlig fremde Frau beschützen wollte. Doch bevor er auch nur daran dachte, selbst um Hilfe zu bitten, bückte er sich und hob den weißen Blindenstock auf, den ihre Angreifer zu Boden geschleudert hatten.

Es war 2:15 Uhr in der Nacht.

Hinter einem Restaurant in San Pedro Garza García kroch die Novemberkälte durch seine feuchte Arbeitskleidung. Leandro war 24 Jahre alt, hatte 90.000 Pesos Schulden und Hände, deren Haut vom ständigen Kontakt mit Chlor und Reinigungsmitteln rissig geworden war.

Er hatte gerade den letzten Müll hinausgebracht, als er eine Frauenstimme hörte.

Sie bat darum, einfach in Ruhe auf ihren Fahrer warten zu dürfen.

Doch die Männer, die sie umringten, schienen nicht die geringste Absicht zu haben, ihr zuzuhören.

„Ach, Schätzchen, du brauchst doch keinen Fahrer. Wir bringen dich schon nach Hause.“

Die junge Frau wich zurück, bis ihr Rücken gegen die Mauer stieß. Sie trug einen hellen Mantel und hielt einen weißen Blindenstock in der Hand.

Als sie versuchte, den Mann vor sich wegzudrücken, riss ihr der andere den Stock aus der Hand und schleuderte ihn in Richtung eines Gullys.

Leandro erkannte einen der beiden sofort.

René.

Ein Schuldeneintreiber, der regelmäßig im Restaurant auftauchte.

Für einen Moment überlegte Leandro, einfach weiterzugehen. Er hatte längst am eigenen Leib erfahren, welchen Preis man dafür zahlte, sich mit solchen Leuten anzulegen.

Doch dann sah er, wie die junge Frau hilflos mit den Händen die Luft abtastete, auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg.

Und er konnte nicht weitergehen.

„Lasst sie in Ruhe!“

Ohne auf Verstärkung zu warten, stellte er sich zwischen die Männer und die Frau.

Es kam zu einem Gerangel.

Jemand stieß ihn so heftig, dass er mit dem Rücken gegen die Wand prallte. Im nächsten Augenblick durchzuckte ein brennender Schmerz seine Seite.

René hatte ein Messer gezogen.

Leandro gelang es, ihn zurückzudrängen. Aus der Küche ertönte eine Stimme, die nach der Polizei rief.

Die Angreifer ergriffen die Flucht.

Die junge Frau streckte vorsichtig eine Hand aus.

„Wo bist du?“

„Direkt vor dir. Hier ist dein Stock.“

Er legte ihn in ihre Hand und bot ihr seinen Arm an.

Sofort bemerkte sie seinen unregelmäßigen Atem. Unter ihren Fingern fühlte sich der Stoff seiner Kleidung feucht an.

„Du bist verletzt.“

„Komm. Wir gehen erst mal zum Eingang. Dort sind andere Leute.“

Einer der Köche hielt ein Taxi an und begleitete die junge Frau, während er die Telefonnummer wählte, die sie ihm genannt hatte.

Leandro blieb an der Mauer sitzen.

Erst als sein Kollege zurückkam, ließ er sich von ihm in die Notaufnahme bringen.

Bevor sie gegangen war, hatte die junge Frau ihn noch nach seinem Namen gefragt.

„Leandro. Ich arbeite hier.“

Er verbrachte die Nacht im Krankenhaus.

Die Klinge hatte glücklicherweise keine inneren Organe verletzt. Trotzdem verordneten ihm die Ärzte dringend Ruhe.

Als er entlassen wurde, dachte er allerdings nicht an seine Genesung.

Er dachte an die Tage ohne Trinkgeld.

Und an den Geldverleiher, der seit einiger Zeit vor seiner Wohnung auf ihn wartete.

Seine Mutter war wenige Monate zuvor gestorben.

Um ihre Medikamente und die Pflege bezahlen zu können, hatte Leandro Geld geliehen. Sein Kellnergehalt hatte dafür bei Weitem nicht gereicht.

Nun war seine Mutter fort.

Zurückgeblieben waren die Schulden und ein Foto, auf dem sie lächelnd neben einer billigen Geburtstagstorte saß.

Leandro kehrte früher zur Arbeit zurück, als die Ärzte empfohlen hatten.

Jedes Tablett, das er hob, erinnerte ihn schmerzhaft daran, dass sein Körper noch nicht bereit war.

Sein Vorgesetzter ließ ihn deshalb wenigstens die Tische in der Nähe der Bar bedienen.

Um vier Uhr nachmittags fuhren drei schwarze Geländewagen vor dem Restaurant vor.

Mit einem Mal verstummten die Gespräche im Gastraum.

Ein grauhaariger Mann betrat das Lokal und fragte nach Leandro, ohne auch nur einen Blick auf die Speisekarte zu werfen.

„Herr Valdés möchte dich sehen.“

Leandro wurde schlagartig der Mund trocken.

Santiago Valdés.

Ein Mann, der eine mächtige kriminelle Organisation kontrollierte. Ein Name, den niemand laut auszusprechen wagte.

Verglichen mit ihm war Leandros Geldverleiher ein unbedeutender Kleinkrimineller.

„Ich arbeite gerade.“

„Dein Chef weiß bereits, dass du mitkommst.“

Leandro blickte in Richtung Küche.

Niemand erwiderte seinen Blick.

Er zog seinen Mantel an und stieg in den Wagen.

In seinem Kopf gab es nur einen einzigen Gedanken: René musste zu Leuten gehören, die noch sehr viel gefährlicher waren, als er bisher angenommen hatte.

Das Anwesen der Familie Valdés lag hinter hohen Mauern am Stadtrand von Monterrey.

Leandro wurde in ein Arbeitszimmer geführt.

Dort wartete ein 32-jähriger Mann auf ihn, beide Hände auf den Schreibtisch gestützt.

„Du hast gestern Nacht meiner Schwester geholfen. Elisa.“

Leandro hob überrascht den Kopf.

„Der jungen Frau mit dem Blindenstock?“

„Ihr Chauffeur hat während seiner Arbeitszeit getrunken und ist eingeschlafen. Sie kam vom Abendessen und musste deshalb allein warten.“

Santiago musterte ihn.

„Sie hat mir erzählt, dass du dich vor ihre Angreifer gestellt hast, obwohl du nicht wusstest, wer sie ist.“

„Das musste ich auch nicht wissen.“

Einen Moment lang herrschte Stille.

Dann öffnete Santiago eine Aktenmappe.

Darin lag Leandros Schuldschein.

Quer über das Dokument war vermerkt, dass die Schuld vollständig beglichen war. Daneben befand sich die entsprechende Zahlungsbestätigung.

„Deine Schulden sind bezahlt.“

Leandro spürte gleichzeitig Erleichterung und Angst.

„Ich habe ihr nicht geholfen, um dafür Geld zu bekommen.“

„Genau deshalb bist du hier.“

Santiago erklärte ihm, dass Elisa einen neuen Fahrer und persönlichen Sicherheitsbegleiter brauchte.

Sie selbst hatte darum gebeten, Leandro wiederzusehen.

Und Santiago hatte beschlossen, ihn einzustellen.

„Ich bin Kellner. Ich habe keine Ahnung von so einer Arbeit.“

„Ramiro wird dich ausbilden. Du bekommst ein Gehalt, medizinische Versorgung und ein Zimmer hier im Haus.“

Leandro schluckte.

„Und wenn ich ablehne?“

Santiago sah ihn so lange schweigend an, bis Leandro begriff, warum niemand diesem Mann gern widersprach.