Sie durfte das Labor selbst auswählen und sich unabhängig rechtlich beraten lassen.
Verónica bat um Bedenkzeit.
Mauricios Mitarbeiter Ramiro vermutete sofort, dass die Frau es auf das Familienvermögen abgesehen haben könnte.
Doña Elvira hörte seine Bemerkung von der Tür aus.
„Dann hat sie sich aber eine ausgesprochen seltsame Strategie ausgesucht“, erwiderte sie trocken. „Acht Monate lang Bettwäsche waschen und jeden Tag pünktlich Feierabend machen, damit sie ihre Tochter abholen kann.“
Mauricio befahl Ramiro, ausschließlich die alten Familienunterlagen über Andrés zu überprüfen.
Am selben Abend fand Sofía die Krankenhausakten ihres Bruders.
Mit zitternden Händen legte sie die Dokumente auf Mauricios Schreibtisch.
Andrés war nach dem Unfall lebend ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Er war erst vier Tage später gestorben.
Ihr Vater Ernesto hatte ihnen jedoch erzählt, Andrés sei noch an der Unfallstelle ums Leben gekommen.
Am Ende der Krankenakte stand eine kurze Notiz.
Der Patient hatte darum gebeten, einen Brief verschicken zu lassen.
Seine persönlichen Gegenstände waren seinem Vater ausgehändigt worden.
Mauricio blickte seine Schwester an.
„Wenn Andrés noch vier Tage gelebt hat, warum durfte sich dann keiner von uns von ihm verabschieden?“
Sofía zeigte auf die letzte Zeile.
„Und vor allem, Mauricio …“
Ihre Stimme zitterte.
„Wo ist dieser Brief?“
TEIL 2
Verónica erfuhr die Wahrheit in einem kleinen Café, weit entfernt von der Villa und ihrer Tochter.
Sechs Jahre lang hatte sie sich an diesen einen kurzen Anruf erinnert.
Ein Bekannter von Andrés hatte ihr damals mitgeteilt, dass es einen Unfall gegeben habe und seine Familie sich bereits um alles kümmere.
Sie hatte immer geglaubt, Andrés sei sofort gestorben.
Dass er keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, etwas zu sagen.
Doch jetzt stellte sie sich ein Krankenhauszimmer vor.
Ein Bett.
Ein Fenster.
Vier endlose Tage, in denen er vielleicht nach ihr gefragt hatte.
„Ich war gerade dabei, sein Abendessen vorzubereiten, als der Anruf kam“, flüsterte sie.
Sofía nahm ihre Hand.
„Wir werden den Brief finden.“
„Ich will wissen, was wirklich passiert ist. Auch wenn es wehtut.“
Zum ersten Mal musste Mauricio akzeptieren, dass die Wahrheit auch ihn selbst in keinem guten Licht erscheinen lassen könnte.
Verónica stimmte dem Gentest schließlich zu.
Sie wählte ein unabhängiges Labor und beauftragte die Anwältin Patricia Medina damit, ihre Interessen zu vertreten.
Camila erklärte sie, dass man mit einem Wattestäbchen Proben aus ihrem Mund sowie aus denen von Mauricio und Sofía nehmen würde, um herauszufinden, ob sie mit der Familie ihres Papas verwandt war.
„Tut das weh?“
„Nein, Liebling. Es ist nur ein Wattestäbchen.“
„Und wenn die beiden wirklich mein Onkel und meine Tante sind?“
Verónica brachte mühsam ein Lächeln zustande.
„Dann lernen wir sie nach und nach kennen.“
Einige Tage später traf das Ergebnis ein.
Gemeinsam lasen sie den Bericht in der kleinen Wohnung, in der Verónica mit ihrer Tochter lebte, unweit des Marktes von Santa Tere.
Das Ergebnis bestätigte mit hoher Wahrscheinlichkeit das vermutete Verwandtschaftsverhältnis.
Die vorhandenen Dokumente und Fotografien fügten die letzten Teile der Geschichte zusammen.
Sofía brach in Tränen aus.
Mauricio saß reglos da, beide Hände auf die Knie gelegt.
Sein Bruder hatte eine Tochter.
Die ganzen sechs Jahre über hatte dieses kleine Mädchen nur wenige Kilometer von ihnen entfernt gelebt.
Im Nebenzimmer saß Camila und sang vor sich hin, während sie malte.
„Darf ich sie sehen?“, fragte Mauricio.
„Ich werde zuerst mit ihr sprechen.“
Er nickte.
Verónica bemerkte, wie viel Überwindung ihn allein dieses kleine Zugeständnis kostete.
Als Camila am Abend erfuhr, dass sie einen Onkel und eine Tante hatte, wollte sie die beiden sofort kennenlernen.
„Kommen sie morgen?“
„Bald, mein Schatz.“
„Dann sollen sie Kuchen mitbringen.“
„Warum denn?“
„Weil Familienbesuch immer Kuchen mitbringt!“
Verónica musste lachen.
Später, als ihre Tochter schlief, stand sie allein in der Küche und weinte.
Währenddessen wurden in der Salazar-Villa weitere Kisten geöffnet.
Ernesto Salazar war vor zwei Jahren gestorben.
Sein Arbeitszimmer war seitdem verschlossen geblieben. Niemand hatte den Mut aufgebracht, seine Papiere zu durchforsten.
Ramiro entdeckte eine alte Liste mit Andrés’ persönlichen Gegenständen aus dem Krankenhaus.
Am Rand standen die Initialen V. R.
Daneben war eine Anweisung notiert:
Jegliche Korrespondenz im Privatarchiv aufbewahren.
Sofía öffnete ein verborgenes Fach im Schreibtisch ihres Vaters.
Zwischen Bankunterlagen und vergilbten Briefen lag ein Umschlag.
Auf der Vorderseite stand ein Name:
Verónica Ríos.
Sofía erkannte die Handschrift sofort.
Es war Andrés’ Schrift.
Mauricio streckte bereits die Hand nach dem Umschlag aus.
„Ich muss wissen, was er geschrieben hat.“
„Der Brief gehört ihr“, sagte Sofía.
Mauricio presste die Kiefer aufeinander.
Dann zog er seine Hand zurück.
Als sie Verónica den Umschlag überreichten, blickte sie Mauricio misstrauisch an.
„Haben Sie ihn gelesen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil er Ihnen gehört.“
Verónica sah ihn einige Sekunden lang schweigend an, bevor sie den Brief vorsichtig einsteckte.
Sie ging in einen Park, in dem Andrés einst versucht hatte, ihr das Fahrradfahren beizubringen.
Unter einem Baum setzte sie sich auf eine Bank und faltete die Seiten auseinander.
Der Brief begann mit einer Entschuldigung.
Andrés schrieb, dass sein vollständiger Name Andrés Salazar Cervantes lautete.
Er hatte den Nachnamen seiner Mutter benutzt, um sich ein neues Leben aufzubauen.
Er hatte Angst gehabt, Verónica würde ihn verlassen, wenn sie erfuhr, in welche Geschäfte seine Familie verwickelt war.
Deshalb hatte er ein Gespräch immer wieder hinausgeschoben, das er längst hätte führen müssen.
Er gab zu, feige gewesen zu sein.
Aber seine Liebe zu Verónica war echt gewesen.
Genauso echt wie sein Wunsch, ihre gemeinsame Tochter fernab von Ernestos Erwartungen und Befehlen großzuziehen.
Er schrieb über die Namen, die er für das Baby vorgeschlagen hatte.
Über seine Angst, einen so winzigen Menschen auf dem Arm zu halten und ihn versehentlich fallen zu lassen.



