Der kleine rote Pick-up bekam einen Ehrenplatz mitten im Baum.
Daniel rückte die Tanne so zurecht, dass sein Sohn den Anhänger erreichen konnte, ohne auf einen Stuhl steigen zu müssen.
Gabriela senkte den Blick.
Sie war einem Mitarbeiter heimlich gefolgt, weil sie Antworten auf Fragen gesucht hatte, die er ihr überhaupt nicht schuldete.
Und nun wusste sie, dass sie ihm schon am nächsten Tag etwas nehmen sollte, dessen Bedeutung sie hinter ihrem Schreibtisch niemals wirklich bedacht hatte.
Sie öffnete erneut den Sparplan auf ihrem Handy.
Neben Daniels Namen stand lediglich eine Zahl: seine jährlichen Personalkosten.
Kein Wort darüber, dass er spätabends noch Schlösser reparierte.
Kein Wort über den kleinen Jungen, der zu Hause auf ihn wartete.
In diesem Moment traf eine E-Mail von Finanzdirektor Arturo Molina ein.
Im Anhang befanden sich die fertig vorbereiteten Kündigungsschreiben, die nach der nächsten Sitzung verschickt werden sollten.
Gabriela öffnete Daniels Schreiben.
Als Beendigungsdatum war der 31. Dezember angegeben.
Auf der anderen Straßenseite umarmte der Junge seinen Vater neben dem schiefen Weihnachtsbaum.
Eine weitere Nachricht von Arturo erschien.
Er brauchte ihre endgültige Bestätigung vor 9 Uhr morgens.
Die Vereinbarung mit dem externen Dienstleister war bereits vorbereitet.
Gabriela legte ihr Handy auf das Lenkrad.
Bis zu diesem Nachmittag hatte sie geglaubt, dass nur noch eine Unterschrift fehlte.
Doch jetzt fragte sie sich, ob sie gerade dabei war, einen Fehler zu begehen, den sie niemals wieder gutmachen könnte.
TEIL 2
Am nächsten Morgen saß Gabriela bereits um 7:30 Uhr im Konferenzraum.
Sie hatte fast die ganze Nacht damit verbracht, Berichte und Kalkulationen durchzugehen.
Doch zwischen all den Zahlen tauchte immer wieder dasselbe Bild vor ihrem inneren Auge auf: Daniel, wie er an der Supermarktkasse stand und die Weihnachtsplätzchen zurücklegte.
Arturo betrat den Raum mit einer Aktenmappe unter dem Arm und dem zufriedenen Gesichtsausdruck eines Mannes, der eine unangenehme Angelegenheit noch vor den Feiertagen abschließen wollte.
„Damit hätten wir den Januar geregelt.“
Gabriela griff nicht nach dem Kugelschreiber.
„Wie viele unserer Mitarbeiter könnten beim neuen Dienstleister zu vergleichbaren Bedingungen weiterarbeiten?“
Arturo zögerte.
„Das können wir nicht garantieren. Einige könnten möglicherweise übernommen werden.“
„Zum gleichen Gehalt?“
Arturo schüttelte den Kopf.
Die anderen Führungskräfte vermieden es, einander anzusehen.
Sergio, der Betriebsleiter, ergriff das Wort und erklärte, dass das wichtigste Ziel die Kostensenkung sei.
„Wir können nicht jede persönliche Lebensgeschichte berücksichtigen“, fügte er hinzu. „Wir müssen auf der Grundlage objektiver Informationen entscheiden.“
Gabriela nickte langsam.
Noch vor wenigen Tagen hätte sie exakt dasselbe gesagt.
Dass Daniel einen kleinen Sohn hatte, bewies schließlich nicht, dass seine Abteilung wirtschaftlich arbeitete.
Und sie konnte auch nicht nur diejenigen Mitarbeiter behalten, deren Schicksal sie persönlich berührte.
Doch genau deshalb musste die Entscheidung auf vollständigen und verlässlichen Informationen beruhen.
„Dann sollten wir uns auch wirklich alle Informationen ansehen.“
Sie verlangte die vollständigen Reparaturprotokolle, Materialbestellungen und Rechnungen externer Dienstleister.
Sergio öffnete die Zusammenfassung, die sie bereits kannten.
„Die Ausgaben sind in den vergangenen zwei Jahren gestiegen.“
„Und die Mitarbeiterzahl?“
„Die ist praktisch unverändert geblieben.“
Gabriela legte die beiden Unterlagen nebeneinander.
„Was genau ist dann teurer geworden?“
Niemand antwortete sofort.
Schließlich sprach Arturo von Notfällen, Bereitschaftsdiensten und speziellen technischen Defekten.
Gabriela bestand darauf, jede dieser Ausgabenkategorien getrennt zu überprüfen.
Daraufhin ließen sie Leticia, die Leiterin der Wartungsabteilung, in den Konferenzraum rufen.
Sie erschien mit einem Notizbuch, das sie fest an ihre Brust drückte.
Offenbar hatte sie damit gerechnet, man würde ihr erklären, wie sie die Werkzeuge abzugeben und ihren Mitarbeitern die Kündigung mitzuteilen hatte.
Als Gabriela sie nach den Rechnungen fragte, warf Leticia einen Blick auf Sergio.
„Viele dieser Rechnungen betreffen Arbeiten, mit denen unsere Abteilung überhaupt nicht beauftragt wurde.“
Sergio runzelte die Stirn.
„Die Aufträge mussten wegen dringender Probleme extern vergeben werden.“
„Manchmal haben wir erst davon erfahren, als die Fremdfirma bereits im Gebäude war.“
Leticia öffnete ihr Notizbuch und zeigte auf mehrere Daten.
In einem Fall hatte ein Büro eine externe Firma mit dem Austausch von Leuchten beauftragt, obwohl Daniel zur selben Zeit nur wenige Meter entfernt auf derselben Etage arbeitete.
Ein anderer Abteilungsleiter hatte einen Techniker für eine Türreparatur bestellt, ohne den Schaden überhaupt im internen System zu melden.
Gabriela dachte an den Mann, der am Vorabend als Letzter mit seinem Karton das Gebäude verlassen hatte.
„Warum stand davon nichts in unseren Berichten?“
„Wir haben E-Mails darüber geschrieben“, antwortete Leticia. „Aber uns wurde gesagt, jede Abteilung habe ihr eigenes Budget und dürfe selbst entscheiden, wie sie Probleme löst.“
Sergio verteidigte diese Regelung.
Sie verhindere unnötige Verzögerungen, erklärte er.
Leticia widersprach nicht direkt.
Stattdessen bat sie die Anwesenden, sich die Arbeitszeitaufzeichnungen anzusehen.
Es stellte sich heraus, dass sich die tatsächlich durchgeführten Reparaturen auf immer weniger Mitarbeiter verteilt hatten.
Denn andere Techniker verbrachten einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit, auf Zugangsgenehmigungen, Freigaben oder Material zu warten.
Währenddessen gaben andere Abteilungen Geld für externe Dienstleistungen aus.
Und genau diese Kosten wurden anschließend ebenfalls der Wartung zugerechnet.
Arturo nahm Leticias Notizbuch und verglich einige Daten.
Dabei entdeckte er, dass dieselbe Reparatur in verschiedenen Dokumenten unter unterschiedlichen Bezeichnungen erfasst worden war.
„Das müssen wir überprüfen“, sagte er schließlich.
„Genau darum geht es“, erwiderte Gabriela.
Sie setzte die Abstimmung aus und ordnete an, sämtliche Kündigungsschreiben vorerst zurückzuhalten.
Der externe Dienstleister musste warten.
Schließlich war noch kein verbindlicher Vertrag unterschrieben worden, der das Unternehmen zwang, an diesem Morgen eine endgültige Entscheidung zu treffen.
Sergio protestierte.
„Damit gefährden wir erhebliche Einsparungen.“
Gabriela sah ihn ruhig an.
„Wir versuchen gerade herauszufinden, ob es diese Einsparungen überhaupt gibt.“
Als sie den Konferenzraum verließ, entdeckte sie Daniel auf einem Flur.
Er war gerade dabei, eine Tür einzustellen, die sonst jedes Mal mit einem lauten Knall ins Schloss fiel.
Als er sie bemerkte, richtete er sich auf.


