
Ich ging zur Bank, um meine 11,6 Millionen Pesos abzuheben – doch in der Warteschlange entdeckte ich meine Schwiegermutter. Sie trug eine Perücke aus meinen eigenen Haaren und hatte meinen Ausweis bei sich. Mein Mann hielt sie im Arm und flüsterte: „Sie darf auf keinen Fall davon erfahren.“ Ich machte keine Szene. Stattdessen stellte ich mich direkt hinter die beiden und wartete darauf, dass die Bankangestellte eine ganz bestimmte Frage stellte …
TEIL 1
„Bilde dir bloß nicht ein, du wärst eine große Geschäftsfrau, Mariana! Egal, wie viel Geld du inzwischen hast – für mich wirst du immer nur eine einfache Friseurin bleiben!“
Meine Schwiegermutter schrie so laut, dass es die ganze Familie hören konnte, und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Mein Mann Diego senkte den Blick.
Ich hingegen stellte mein Wasserglas ganz ruhig auf die Tischdecke.
„Da haben Sie recht, Doña Elvira. Ich arbeite mit Haaren. Interessant ist nur, dass ausgerechnet das Theater, in dem Sie angeblich einmal ein großer Star waren, seit fünf Jahren seine Perücken bei mir bestellt.“
Die Stille, die darauf folgte, war einfach köstlich.
Meine Schwiegermutter hatte jahrzehntelang als Maskenbildnerin an verschiedenen Theatern in Guadalajara gearbeitet. Sie liebte es, von ihren glanzvollen Jahren zwischen Schauspielern, aufwendigen Kostümen und geschäftigen Künstlergarderoben zu erzählen.
Was sie allerdings nie ertragen konnte, war die Tatsache, dass ich aus genau diesem Handwerk ein erfolgreiches Unternehmen gemacht hatte.
Fünfzehn Jahre zuvor hatte alles in einem kleinen, feuchten Ladenlokal nahe dem Zentrum von Guadalajara begonnen.
Um die erste Miete bezahlen zu können, verkaufte ich meinen Schmuck. Außerdem schnitt ich meinen langen, kastanienbraunen Zopf ab.
Doch den Zopf verkaufte ich nicht.
Ich bewahrte ihn unter einer Glasglocke auf, gebettet auf ein rotes Kissen. Er sollte mich für immer daran erinnern, was ich für meinen Traum geopfert hatte.
Mit den Jahren entwickelte sich meine kleine Werkstatt zu einem Unternehmen, das Perücken für Theaterensembles, Filmproduktionen und Frauen herstellte, die während einer medizinischen Behandlung ihre Haare verloren hatten.
Nach dem Abschluss eines bedeutenden Vertrags mit einer Produktionsfirma standen mir elf Millionen sechshunderttausend Pesos zur Verfügung.
Endlich konnte ich meinen größten Traum verwirklichen.
Ich wollte ein altes Gebäude mit ehemaligen Theaterwerkstätten kaufen und es in eine Schule mit angeschlossener Perückenmanufaktur verwandeln.
Als meine Schwiegermutter davon erfuhr, reagierte sie merkwürdig.
„Du meinst die Werkstätten von Don Salvador? Die in der Nähe des Stadtzentrums?“, fragte sie an jenem Abend.
„Ganz genau.“
Zum ersten Mal verschwand das selbstgefällige Lächeln aus ihrem Gesicht.
Doch es gab noch ein weiteres Problem.
Inés, meine frühere Geschäftspartnerin, wollte das Gebäude ebenfalls kaufen.
Vor einigen Jahren hatte ich sie aus unserem gemeinsamen Unternehmen ausgeschlossen, nachdem ich herausgefunden hatte, dass sie schwer kranken Patientinnen synthetische Perücken als Echthaarperücken verkaufen wollte.
Als wir uns bei einer Besichtigung der Immobilie begegneten, lächelte sie mich mit ihren sorgfältig geschminkten Lippen an.
„Sei vorsichtig, Mariana. Manchmal verschwindet Geld genau dann, wenn man es am dringendsten braucht.“
Ich schenkte ihrer Bemerkung keine weitere Beachtung.
Wenig später bat meine Schwiegermutter mich um einen Gefallen.
Ich sollte Lucía einstellen, eine zweiundzwanzigjährige junge Frau, deren Mutter sie angeblich gut kannte.
Lucía hatte außergewöhnlich geschickte Hände. Sie konnte Haare mit einer Präzision knüpfen, die man nur selten sah.
Allerdings fiel mir auf, dass sie jedes Mal regelrecht zusammenzuckte, wenn ihr Telefon klingelte.
Eines Tages half sie mir dabei, eine Perücke für eine Lehrerin anzufertigen, die gerade ihre Krebsbehandlung abgeschlossen hatte.
Als die Frau sich zum ersten Mal mit der neuen Frisur im Spiegel betrachtete und vor Freude zu weinen begann, liefen auch Lucía die Tränen über die Wangen.
An diesem Tag zeigte ich ihr, wie wir auf der Innenseite unserer Perücken eine winzige rote Blume einsticken.
„Das ist unser geheimes Erkennungszeichen“, erklärte ich. „Auch wenn niemand sie sieht, werden wir immer erkennen können, was unsere Hände geschaffen haben.“
Zwei Wochen später organisierte meine Schwiegermutter einen Besuch in meiner Werkstatt.
Sie brachte mehrere Freundinnen aus der Theaterwelt mit.
Während die Frauen verschiedene Perücken ausprobierten, entdeckte ich Doña Elvira vor der Glasglocke.
Sie hatte sich darübergebeugt und betrachtete meinen alten Zopf.
„Was für ein wunderschöner Zopf! Würdest du mich ihn einmal in die Hand nehmen lassen?“
„Nein, Doña Elvira. Das ist das Einzige in diesem Raum, das niemand berühren darf.“
Ihr Blick wurde hart.
„Was für eine Übertreibung. Letztendlich sind es doch nur Haare.“
An jenem Abend blieb Lucía länger, um die Werkstatt abzuschließen.
Am nächsten Morgen kam ich früh zur Arbeit, kochte Kaffee und ging zum Fenster.
Die Glasglocke stand noch an ihrem Platz.
Auch das rote Kissen lag darunter.
Aber mein Zopf war verschwunden.
Sofort überprüfte ich die Aufzeichnungen der Überwachungskamera.
Jemand hatte die Kamera zur Wand gedreht.
Als ich anschließend das elektronische Zugangsprotokoll kontrollierte, stellte ich fest, dass Lucía die letzte Person gewesen war, die sich in der Werkstatt aufgehalten hatte.
Ich ließ sie in mein Büro kommen.
„Du bist entlassen. Ich habe bereits Anzeige erstattet.“
Die junge Frau brach in Tränen aus.
„Señora Mariana, bitte … Sie verstehen nicht, wozu man mich gezwungen hat.“
Ich erstarrte.
„Wer hat dich gezwungen?“
Lucía presste sich die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf.
Doch bevor sie antworten konnte, klingelte mein Telefon.
Es war meine Schwiegermutter.
Und ihre ersten Worte ließen mir das Blut in den Adern gefrieren.
„Mariana, wenn du deinen Mann behalten und dieses Gebäude kaufen willst, solltest du endlich lernen, das, was du besitzt, mit anderen zu teilen.“
TEIL 2
„Drohen Sie mir gerade?“, fragte ich.
„Ich gebe dir nur einen gut gemeinten Rat, meine Liebe. Manche Frauen verlieren alles, nur weil sie ihrer Familie nicht helfen wollen.“
Dann legte Doña Elvira auf.



